Die heilige Kuh in Indien

In Deutschland ist eine Kuh ausgebüxt? Dann wird meist die Feuerwehr gerufen.

Wenn ich dies meinen indischen Freunden erzähle, sorgt das stets für große Erheiterung. Denn hier in Indien sind Kühe keine Seltenheit. Du begegnest ihnen vielmehr überall und sie gehören zum alltäglichen Straßenbild.

Selbst in einer Metropole wie Neu-Delhi sollen mehrere zehntausend Kühe unterwegs sein. Kein Wunder, dass sie mir regelmäßig den Weg versperren.

Bist du in Indien unterwegs, musst du nicht lange warten, bis du ein tolles Foto von einer Kuh inmitten des turbulenten Verkehrs schießen kannst.

Kühe im Straßenverkehr

Obwohl Indien einer der größten Rindfleischproduzenten der Welt ist, ist der Pro-Kopf-Verbrauch äußerst gering. Das hängt damit zusammen, dass die Kuh in Indien heilig ist.
Doch warum wird sie hier eigentlich so verehrt?

Warum gilt die Kuh in Indien als heilig?

Vor mehreren Jahrtausenden war die Kuh eine Opfergabe und wurde sogar anschließend verzehrt. Dies änderte sich im Laufe der Zeit. Hindus, Buddhisten und Jains glaubten an die Gewaltlosigkeit, wurden Vegetarier und verzichteten somit auch auf Rindfleisch.
Dass die Inder die Kuh aber sogar als heilig verehren, liegt an folgenden Gründen:

Sie ist ein Zeichen von Wohlstand

Eine Kuh ist gutmütig, sie gibt immer mehr als sie nimmt. Sie benötigt nur Wasser und Gras – liefert den Menschen aber die fünf heiligen Gaben (Panchagavya), die sie zum Überleben benötigen:

  1. Milch

    Milch ist ein Grundnahrungsmittel und Bestandteil des Chais (indischer Tee), den die Einheimischen mehrmals täglich trinken.

  2. Ghee

    Diesen Butterschmalz verwenden die Inder zum Kochen. Er dient als Geschmacksträger (zum Beispiel auf einem Roti-Fladenbrot) und soll Haut und Haaren einen besonders schönen Glanz verleihen. In vielen Tempeln brennen außerdem die Kerzen mithilfe von Ghee.

  3. Joghurt

    In Indien enthalten die meisten Hauptspeisen ein Schälchen mit Joghurt. Er hilft dir aufgrund seiner Bakterienkulturen bei der Verdauung und reduziert zusätzlich die Schärfe des Essens.
    Um deinen Körper bei hohen Temperaturen abzukühlen, kannst du aus dem Joghurt einen erfrischenden Lassi herstellen. Vermische  ihn dafür in einem Verhältnis von 2:1 mit Wasser und füge noch etwas …. Hinzu.

  4. Urin

    Kuh-Urin ist aufgrund seiner antiseptischen Wirkung ein ayurvedisches Heilmittel.

  5. Mist

    Selbst der Kot der Kühe lässt sich vielfältig einsetzen: Als Brennmaterial zum Feuermachen, Bindemittel beim Hausbau oder Dünger auf dem Feld.

Sie wurde in Religionstexten erwähnt

In den Veden, den alten hinduistischen Schriften, wird die Kuh im Zusammenhang mit „Aghnya“ genannt. Dies bedeutet so viel wie „nicht getötet werden“. Dies bezog sich aber wohl hauptsächlich auf junge Kälber, da diese für die Menschen noch sehr nützlich waren.

Die heilige Kuh in Indien und die Reinkarnation

Die Anhänger des Hinduismus glauben an die Wiedergeburt der Seelen.
Dies erklärt, warum sie sich teilweise liebevoll um Kühe kümmern, ihnen zu essen geben und sie pflegen. Denn aus ihrer Sicht besteht immer die Möglichkeit, dass ein geliebter Verwandter als Kuh wiedergeboren wurde.

Baby Kuh in Indien

Verbindung mit Lord Krishna

Für einen Großteil der Inder ist die Kuh heilig, da Lord Krishna (eine Inkarnation des Hindu Gottes Vishnu) bei Hirten aufgewachsen sein soll und die Kühe sehr verehrte. Auf Bildern wird er deshalb auch oft mit einer Kuh dargestellt.

Die heilige Kuh in Indien – trifft das immer zu?

Ganz und gar nicht! Schließlich ist Indien mit einem Export von jährlich zwei Millionen Tonnen Rindfleisch Exportweltmeister. Hinzu kommt noch die Produktion von circa 150 Millionen Tonnen Milch.

Das ist in Indien möglich, da hier auch Menschen leben (wie zum Beispiel Christinnen und Christen, Muslimas und Muslime) für die eine Kuh nicht als heilig gilt. Sie arbeiten in Schlachtbetrieben, da dies nicht gegen ihre religiösen Prinzipien verstößt.

Außerdem werden hauptsächlich Büffel erlegt. Diese fallen in die Kategorie Rindfleisch, werden aber von Hindus nicht als heilig angesehen.